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Iulian Chivu. Der schwingende Geist

Die Essays von Stuttgart

 

Nachwort von Lucian Hetco, Agero

Übersetzung aus dem Rumänischen: Christine Wiume

 

Die von Iulian Chivu in der Zwischenzeit veröffentlichten Arbeiten (Folclor din satele de pe Burdea - 1994; Cultul grâului și al pâinii la români - 1997; Semioză și deictica semnului în credințele românești - 2006; Homo Moralis. Mari paradigme etice si etosul românesc - 2008)[1] geben einen Einblick in seine Beschäftigung von der Folklore zur Ethnologie und von da in Richtung Enthnopsychologie und zur Synthese mit philosophischem Nachklang. Als Mitarbeiter der rumänisch-deutschen Zeitschrift AGERO aus Stuttgart, woher auch der Untertitel dieser Arbeit stammt, gibt Iulian Chivu der gesamten Zeitschrift eine besondere Note sowohl mit den bearbeiteten Themen als auch durch seinen prägnanten Stil, der die Idee hervorhebt.

 

In dieser neuen Arbeit, sammelt der Autor in drei Kapiteln ethnologische und ethnosophische Essays und Artikel, in denen er sein Anliegen und seine Beobachtungen fortführt, die an Konstanten der rumänischen Ethnologie gebunden sind und sich an den jungen rumänischen Ethnologen - im Geist der westlichen Forschungen - neu orientieren. Er führt sein Anliegen aus Semioză și deictica semnului[2] in einigen Themen fort, die sich an der Grenze der ethnologischen Linguistik bewegen (siehe Kapitel Verba dicendi), um sich anschließend (im Kapitel Nefericirile gândului[3]) in vierzehn Essays in genausoviele Probleme zu lancieren, die das Denken über die Idee an sich betreffen. Angefangen mit den Protocronii fundamentale,[4] macht Iulian Chivu vergleichende Beobachtungen, er unterscheidet aber auch zwischen einigen ethnischen Optionen der Existenz, indem er sich eine Arbeit von Salvador de Madariaga als Ausgangspunkt nimmt und sich definitorischer Zeichen und der ursprünglichen Sprache der Spiritualität bedient. Daraus folgert er eine Reihe von „Disjunktionen der Modalitäten”, in derer Grundlage sich die rumänische Kultur zum Beispiel dadurch hervorhebt, dass sie zu einer nicht-dialogischen Kommunikation neigt, da sie die Erwartungen verschiebt und die Widerworte verhindert. Dies geschieht wegen einer psychologischen Grundlage, die von Drăghicescu bestätigt wurde - aber auch von vielen anderen, derer Reihe nicht einmal mit Emil Cioran endet. Demzufolge wird eine Matrix identifiziert, in der Werte mit einer gewissen ethischen Eitelkeit simuliert werden, in der das Lächerliche einen Konsens findet. Und derselbe pendelnde rumänische Geist erhebt sich mit präziser Einschätzung bald traurig zu einer Metaphysik der Vollendung, bald stürtzt er in winzige dilletantische Wonnen zusammen. Radix omnis malorum, der Dilletantismus hält sich wie eine ursprüngliche Sünde, aber wenn er übertrieben ist, steht er als Zeichen für Aufmerksamkeit: „Ich glaube doch, dass die Völker in Mittelmäßigkeit leben können, wenn man sich die historischen Gegebenheiten ansieht, leben sie allerdings aus unhaltbaren nicht lebensfähigen Gründen in Dilletantismus, auch wenn seine Verführungen zu nationaler Raserei führen.”

 

In seinen Essays Aus Stuttgart, fährt Iulian Chivu in einer Synthese eine Serie von ethischen Beobachtungen fort, aber auch von ethnischer Psychologie, die er thematisch nicht in Homo Moralis einbinden konnte, aber deren Wertigkeit unabhängig davon zur Geltung kommen kann. Während zum Beispiel der Philosoph C. Noica sechs Krankheiten des gegenwärtigen Geistes identifiziert (die Krankheiten der Bestimmung), identifiziert Iulian Chivu aus einer anderen Perspektive heraus genau so viele Arten von Unglück im Bereich der Gedanken: das Unglück der Bequemlichkeit, des Wagemuts, des Wollens, des Widerstands, der Disziplin und des Kompromisses.

Sie bringen immer dieselben Berührungspunkte mit sich: des Gedankens, des Ichs, der Koexistenz – so wie es der Autor in dem Essay über die Meilensteine der Achse Hall – Kohlberg – Maslow aufzeigt. Die Etablierung der moralischen Urteile, die sich auf ein natürliches Gespür für Recht und Unrecht stützen, was zu den Regeln des natürlichen Rechts geführt hat, entstanden aus einem menschlichen Bedürfnis heraus. Zunächst steht das Bedürfnis seine biologische Existenz abzusichern; sich danach der Gruppe anzuschließen, innerhalb derer er sich einer Ordnung unterwirft; nach einer mobilen Strukturierung der Ursachen Zugang zum Wohlstand hat; und sich im Folgenden durch seine Ausdrucksweise unterscheidet. Das ist die Notwendigkeit der Existenz und die Konservierung der Sozialisierung, des Pragmatismus und des Intellektes, von denen nur die ersten beiden nicht veräußerlich sind.

 

Unter diesen Bedingungen ist die Sprache entstanden und ist dem Bedürfnis zu kommunizieren mit einer gewissen Beweglichkeit und semantischer Kapazität gefolgt, um das was sie kennt abzudecken und um sich gegenüber dem zu öffnen, was beabsichtigt wird. Vico (Principi di una scienza nova dˋintorno alla comune natura delle nazioni -1744), erinnert daran, wie die Ägypter behaupteten, dass vor ihnen nur drei Sprachen gesprochen wurden: die Sprache der Götter, die Sprache der Helden und die Schriftsprache, die Hieroglyphen, die Sprache der Zeichen (eine bildhafte Sprache) und die Sprache der Menschen. Philologe durch seine Ausbildung, kommt Iulian Chivu aus der Ethnologie über die Ethnosophie, ohne wie Abelard zu vermitteln, unterscheidet er im zweiten Kapitel (Verba dicendi) zwischen semantischen und offensichtlichen Erklärungen, genau so wie Wittgenstein, das Denken selbst als Essenz der Zeichen und anders als der Nominalismus nach Platon es handhabte. Deswegen findet er in der Sprache, auf unterschiedlichen Ebenen, die Persönlichkeit jedes Individuums, seinen psychischen Code, die Reflexion der Lebensweise, des Klimas als konstante aber auch flüchtige Determinanten, so dass er glaubt, dass eine internationale Sprache ein epistemischer Misserfolg wäre, ohne existentielle Perspektive, durch die die Geister in eine Konvention gezwungen würden, die kein anderes Ziel hätte als den Turm von Babel. Der Autor hält nicht an der Linguistik fest und lässt ihre Kontroversen offen, indem er sie wie Fallen umgeht, er lässt sich allerdings von einer gewissen „persönlichen Grammatik” anziehen, in der er dem Ich Paradigmen schmiedet, er konjugiert in sich reflektierenden Diathesen Möglichkeiten, Kongruenzen, Gegensätze oder macht aus Pronomen Projektionen, die sich in ethnischen Entwicklungen bewegen, von denen sich der Autor von der ersten Seite an anziehen lässt. So neigt zum Beispiel der Talmensch - im Vergleich zum Gebirgsmenschen – „in seinen ästhetischen Möglichkeiten mehr zum Strahlen, zum Rhythmus und weniger zur Harmonie der Proportionen, mehr zur geraden Linie und weniger zur Harmonie der Rundungen, mehr zur horizontalen Dimension und weniger zur Vertikalen, er manifestiert oberflächliche und keine tiefgehenden Bedürfnisse – weswegen er eher instabil und unordentlich ist, flexibler aber auch überstürtzter – er ist vielmehr geizig als sparsam, er ist eher arm aber sensibler, er ist dem lyrischen Gedicht und der Balade eher zugetan als dem Epos, die Geschichte ist ihm eher egal, er ist nur kurzzeitig glücklich, weil er geschickter detaillierte Ideale formuliert und nicht Gesamtkonzepte, sein Horizont ist immer unsicher, weil er zu weit entfernt ist.” Die Unterscheidungen werden in einem anderen, viel umfangreicheren Register in Sentimentul românesc al valorii[5] weitergeführt.

 

Wenn man Iulian Chivu liest, ist es schwierig zu sagen, ob der Autor die Ethnosophie zu einer neuen Disziplin hin öffnet, die über die Ethnopsychologie hinausgeht, oder ob er in der Zwischenzeit eine neue Lesung philosophischer Themen anwendet, deren Spiegelung immer faszinierend ist. Er ist angezogen vom inneren Gespräch des Philosophen, der sich - wie der Autor sagt - in einer besonderen Situation befindet, während er eine These von Carnap bestätigt, der den Umfang des Wissens über die Welt betrachtet. „Er sucht und berührt Tiefen, die dem normalen, mittelmäßigen Menschen entgehen – oder auch dem Dummkopf, dessen Monolog für sich spricht.”

 

Man kann ebenfalls Iulian Chivus Öffnung zur Meta-Ethik erkennen, die im Grunde genommen eine praktische Philosophie ist, die uns der Autor indirekt vorschlägt. Sie rührt her von der aufmerksamen Überlegung des Psychologen über die (Inter-)Aktion des Individuums („Handeln”), ist vielmehr beschreibend als theologisch. Die Reflexion des Autors baut auf die entwickelte Vernunft und Logik der Vertreter der deutschen Schule im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte. Ich beziehe mich hier insbesondere auf Kant und Hegel („Reflexions-Philosophie”), aber auch auf Heideggers oder Husserls Phänomenologie. Iulian Chivus philosophische Methode ist analytisch, kritisch und akribisch, was typische Eigenschaften der Philosophie Heideggers sind, die wie jede andere moderne Philosophie der Moral, konkrete Antworten anbietet für die ewig gegenwärtigen Fragen Kants: „Was soll ich tun?” (in Bezug zum ethischen Aspekt), oder „Was kann ich wissen?”(der gnoseologische Aspekt).

 

Iulian Chivu geht in dieser bemerkenswerten Synthese über die Grenzen der traditionellen rumänsichen Philosophie/Ethnosophie hinaus, er bereichert sie qualitativ, indem er in einer akademischen Arbeit neue erkenntnistheoretische Dimensionen vorschlägt. Diese Arbeit hat einen europäischen Rang, ist wertvoll, ehrgeizig und ausgezeichnet zusammengesetzt. Sie ist eine Art Meilenstein, wenn Sie so wollen – die es verdient in eine der universellen Sprachen genauestens übersetzt und veröffentlicht zu werden. Ich meine damit insbesondere den deutschsprachigen Raum, in dem diese Arbeit meiner Meinung nach in einer nahen Zukunft nicht nur gefragt, sondern auch öffentlich oder wissenschaftlich bestätigt wird, was Iulian Chivu auch zusteht, da er ein besonderer Analyst und Philosoph ist.

 

Lucian Hetco, Agero

http://www.agero-stuttgart.de

Übersetzung aus dem Rumänischen: Christine Wiume

 

Rumänische Version hier >>

 

[1] Die Essays sind noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Eine mögliche Übersetzung der Titel wäre: Die Folklore aus den Dörfern entlang der Burdea – 1994, Der Kult des Korns und des Brotes bei den Rumänen - 1997, Semiologie und Deixis in den rumänischen Glaubensrichtungen - 2006; Homo Moralis. Große ethische Paradigmen und der rumänische Epos – 2008.

[2] Semiologie und Deixis des Zeichens

[3] Das Unglück des Gedankens

[4] Grundlegende Gegebenheiten

[5] Das rumänische Wertempfinden

 

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